Wir alle kennen diese ambivalente Beziehung zu unseren Nachbarn: Mal nerven sie uns, doch im Ernstfall sind sie oft die Ersten, an die wir denken. Nach den hitzigen Debatten über Intoleranz in unserem Land sehne ich mir Unterricht in Nächstenliebe in den Schulen herbei!
Bei meinem Besuch im Haus meiner Mutter in einem ruhigen Vorort bei Thrissur in Kerala nach vielen Jahren fiel mir auf, wie wenig sich die Stadt verändert hatte. Kokospalmen säumten weiterhin die Skyline, malerische Reihenhäuser wirkten charmant, Tempelglocken läuteten, Kinder tollten unter schattigen Bäumen herum, Frauen erledigten fleißig ihre Arbeit, während die Männer zur Arbeit eilten. Das Leben floss friedlich wie eh und je, nur mit modernen Akzenten wie einem neuen Einkaufszentrum, Büros und einem Pizza Hut im Zentrum – ein seltsamer Kontrast zum alten Weltcharme dieser idyllischen Stadt.
Es tat gut, nach dem hektischen Stadtleben in solch einer Oase der Ruhe zu sein. Auf dem abgenutzten, aber gemütlichen Sessel meines Großvaters sitzend, nippte ich an Omis duftendem Kardamomtee, ließ die Stille wirken und sinnierte über die Geheimnisse des Lebens. Plötzlich fiel mein Blick auf einen unerwarteten Anblick: Mr. Nair, unser Nachbar gegenüber, spazierte gemütlich mit Mr. Paul, seinem Nebenmann, und plauderte locker. Für Außenstehende ein alltägliches Bild alter Freunde – für mich ein Schock, denn ich kannte ihren jahrelangen, erbitterten Hass und die schmutzigen Streitereien nur zu gut.
Ich erinnere mich lebhaft an jene berüchtigten Sommerferien, in denen ich Zeugin wurde. Mr. Nair schwang ein Küchenmesser über der Mauer, während Mr. Paul auf seiner Seite kreischend "Mörder!" rief. Auslöser: Paul hatte Äste eines Neem-Baums abgesägt, der auf Nairs Seite wuchs.
„Man könnte meinen, er freut sich über den Schatten“, tobte Nair, „aber nein, er jammert, der Baum blockiere seine Sicht und verdunkle seinen Hof!“ Nach Stunden des gegenseitigen Schlammschleuderns griffen Nachbarn wie mein Opa ein, und der Sturm legte sich.
Der Frieden währte nicht lange. Bald stritten sie wegen Pauls Hund, der Nairs Garten als Toilette nutzte. Dann flogen Vorwürfe wegen Müll im fremden Beet. Täglich ein Schlachtfeld! Die Nachbarn hielten sich heraus – manche aus Peinlichkeit, andere genossen das Drama heimlich. Bei jedem Besuch bei meinen Großeltern hörte ich von Oma detaillierte Berichte der neuesten Auseinandersetzungen.
So stürmte ich zurück ins Haus und rief Oma: „Schau dir dieses Wunder an!“ Sie reichte mir eine frische Tasse Tee und meinte gelassen: „Ja, Paul und Nair haben sich ausgesöhnt, mein Kind.“
„Unmöglich! Wie ist das passiert?“
„Letzten Sommer brach in Nairs Hof ein Feuer aus – vom Holz in seinem Schuppen. Chaos überall, Nair erstarrt vor Schreck, während sein Haus loderte. Die Nachbarn schauten hilflos zu, zu ängstlich, um näherzukommen. Doch Paul handelte blitzschnell: Er kommandierte Nachbarn, holte Gartenschläuche, verband sie, spritzte das Feuer ab, organisierte Wasser und rief die Feuerwehr – rücksichtslos auf die eigene Gefahr. Die Löschfahrzeuge fanden den Weg schwer und kamen spät; dank Pauls Geistesgegenwart war das Feuer bereits im Griff. Seitdem sind die beiden unzertrennlich.“
Ich war baff über diese Wende. Trotz aller Differenzen siegt letztlich die Menschlichkeit. Menschen sind meist besser, als man denkt. Wie die alten Häuser und ihre Bewohner war auch diese Nachbarschaft auf liebenswerte Weise „altmodisch“. Es ist leicht, Zäune um Grundstücke, Staaten oder Länder zu ziehen – doch einen Zaun ums Herz zu bauen, gelingt nicht; es sehnt sich nach Liebe.
(Von Ramya Vivek)