Freitag, 21 Uhr: Ich sitze an meinem Artikel, sorge mich um die Gesundheit meiner Mutter und grüble darüber, dass ich zu wenig Zeit für die Familie habe – während mein Mann mit seinen Büroaufgaben beschäftigt ist. Meine Gedanken schweifen zurück in unsere Anfangszeit. Alles war so unkompliziert. Wir nahmen uns immer Zeit füreinander. Doch heute, nach dem Aufstieg in unseren Karrieren, ist das ein seltener Luxus.
In diesen trüben Gedanken versunken, beobachte ich, wie meine Kleine mit ihren Puppen spielt und fantasievolle Geschichten erfindet. Sie weckt in mir den Wunsch, wieder Kind zu sein – frei von Verpflichtungen, Fristen und finanziellen Sorgen. Meine Tochter merkt meinen Blick, präsentiert stolz ihre Puppe im schimmernden Kleid. Ich lächle gezwungen und repariere halbherzig den Rock. Sie spielt weiter.
Mit zerstreuten Gedanken greife ich zum Handy, scrolle durch E-Mails, Facebook und Twitter – auf der Suche nach Ablenkung vom inneren Leervakuum. Doch nichts hilft. Sie kommt erneut, bittet um Hilfe beim Rock. Ich ärgere mich kurz, helfe aber. Dann öffnet sie ihre Lego-Box, verteilt die Teile übers Bett. Normalerweise hasse ich Unordnung, doch mein Kopf ist zu voll.
Ich greife zum unfertigen Buch am Bett, kann mich aber nicht konzentrieren. Ich erinnere mich, wie aufgeregt ich es bestellt hatte – und nie über Seite 30 hinausgekommen bin. Wieder die Puppe, wieder der Rock. Diesmal explodiere ich: Gereizt werfe ich die Puppe durchs Zimmer. „Warum ziehst du ihr immer den Rock aus, wenn du ihn nicht annähnst?“ Sie schrickt zurück, rechtfertigt sich aber: „Mama, sie kommt vom königlichen Ball und geht jetzt schlafen.“ Das nervt mich noch mehr. Ich flüchte ins Handy.
Ich denke an meine Mütterfreundinnen, die mit Partnern in den Urlaub fliegen und die Kinder abgeben – etwas, das ich mir nie zutraue. Die Umstände kann ich nicht schelten; ich bin selbst zu eng mit ihren Bedürfnissen verbunden. Bald kommt sie wieder: „Mama, geht’s dir gut? Tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe.“ Gerührt umarme ich sie. Sie strahlt und spielt weiter.
Ich schaue ihr zu: Sie webt eine Geschichte voller glücklicher Anfänge und freudiger Enden. Plötzlich erkenne ich die Schönheit dieses Moments. Meine Kleine lebt voll im Hier und Jetzt, während ich mich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verliere und die einfachen Freuden übersieht. Ich schalte das Handy aus, setze mich zu ihr und tauche ein in ihre zauberhaften Welten.