Repräsentatives BildRohini war den ganzen Morgen über vor Aufregung ganz aus dem Häuschen. Zweimal wäre sie fast über die Fußmatte gestolpert, und beide Male hielt ihr Mann sie gerade noch rechtzeitig fest.
„Komm schon, Rohini, beruhige dich mal“, neckte er sie. „Wir wissen doch, dass dein Bruder dich zum ersten Mal nach unserer Hochzeit besucht.“
Tatsächlich war das der Grund für ihre Vorfreude. Ihr einziger Bruder Akhilesh, acht Jahre jünger als sie, kam zusammen mit den Eltern aus Mumbai – damals noch Bombay genannt. Die Eltern waren schon einmal da gewesen, doch Akhilesh hatte wegen seiner Inter-CA-Prüfung damals nicht mitkommen können. Nun besuchte er erstmals ihr neues Zuhause in Coimbatore.
Rohini vergötterte ihren kleinen Bruder und übernahm stets die Rolle der fürsorglichen großen Schwester.
Sie hatte sich redlich Mühe gegeben und seine Lieblingsgerichte zubereitet: Paneer-Butter-Masala, Baingan-Bharta und Erbsen-Pulav. Die Schwiegereltern bevorzugten das übliche südindische Menü, doch Rohini wusste, dass Akhilesh das nicht mögen würde. Mit Erlaubnis ihrer Schwiegermutter kochte sie extra für ihn.
Damals gab es keine Möglichkeit, den Zugstatus zu checken – Mobiltelefone waren ein ferner Traum, und Festnetz eine Rarität. Glücklicherweise besaß Rohinis Schwiegervater eines für geschäftliche Kontakte im Textilhandel.
Rohini blickte ungeduldig auf die Uhr. Der Zug müsste Salem bald verlassen haben; in drei bis dreieinhalb Stunden sollten sie in Coimbatore eintreffen.
„Sie kommen um 13:30 Uhr zum Mittagessen“, schätzte der Schwiegervater.
Die Uhrzeiger krochen dahin. Wie gerne hätte Rohini ihre Familie angerufen! Stattdessen tigerte sie nervös umher, während ihr Mann Rajan sie weiter neckte.
Um 12:30 Uhr summte das Telefon. Rajan nahm ab – und erblasste. „Wir kommen so schnell wie möglich“, murmelte er und legte auf.
Zu Rohini gewandt: „Zieh dich um, wir müssen nach Erode.“
„Was ist los?“, fragte sie alarmiert.
„Ich erkläre es unterwegs. Beeil dich.“ Noch nie hatte sie ihn so fassungslos gesehen.
Rasch wechselte sie die Kleidung, während Rajan ein Auto organisierte. Sie hörte Bruchstücke von Gesprächen mit den Eltern, dann klingelte es erneut.
Ihre Schwiegermutter flüsterte ihr zu: „Nicht in Panik geraten. Wir können nichts tun.“
Verwirrt stieg sie ein. Auf der Fahrt nahm Rajan ihre Hand: „Bleib ruhig, Rohini. Akhilesh hat im Zug verdorbene Lebensmittel vom Verkäufer gegessen. Er erbrach sich, bekam Durchfall und dehydrierte. Der Zug hielt in Erode, sie brachten ihn ins Bahnkrankenhaus. Dein Vater rief an – Akhilesh ist verstorben. Deine Mutter ist ohnmächtig geworden. Alles in anderthalb Stunden.“
Rohini wurde schwindelig. Sie kämpfte mit den Tränen bis zum Erode-Bahnhof, wo ihre Eltern gealtert um Jahre wirkten.
Sie zwang sich zur Stärke – als einziges überlebendes Kind musste sie nun Halt geben.
Akhilesh lag friedlich da, als schliefe er nur. Wer war schuld? Man musste das Schicksal akzeptieren.
Nach den Formalitäten ließ Rohini den Sarg nach Hause bringen. Die Eltern wollten zurück, doch sie bat: „Amma, ich habe so sehnsüchtig auf ihn gewartet. Lasst ihn kommen – wenn nicht auf eigenen Beinen, dann so.“
Da brach ihr Schmerz hervor.
- Sudha Vishwanathan