Repräsentatives Bild
Es war die Regenzeit in Mumbai, als die Niederschläge ihren Höhepunkt erreichten. Fast 30 Stunden lang goss es ununterbrochen. Gegen Mittag erholten sich die Mumbaiker vom heftigen Schauer.
Um 13 Uhr saß meine Familie beim Mittagessen, als ein lauter Knall ertönte, gefolgt von Schreien. Wir ließen alles stehen und stürmten auf die Veranda – einen offenen Balkon mit Grills. Viele Nachbarn hatten dort Fenster, manche mit Gittern, andere ohne.
Die Familie direkt über uns im zweiten Stock hatte nur Fenster ohne Gitter. Sie planten, bald welche einbauen zu lassen, doch das Schicksal entschied anders.
Ein 10-jähriger Junge kam mit seinem Teller auf die Veranda und stieg auf einen hohen Hocker. Er wollte im Nieselregen essen und versuchte, das verklemmte Fenster aufzustoßen. Die Wucht drückte ihn nach hinten – er fiel mit dem Gesicht voran auf den Boden.
Ein schrecklicher Anblick: Der Junge lag in einer Blutlache, atmete aber noch. Seine Mutter, eine enge Freundin, brauchte Hilfe. Ich fuhr sie und zwei Familienmitglieder ins Krankenhaus – ein Krankenwagen hätte zu viel Zeit gekostet.
Die Mutter weinte verzweifelt. Die Lage wirkte hoffnungslos. Auf der Intensivstation kam kurz darauf die Nachricht: Er hat es nicht geschafft.
Hart gesagt, aber vielleicht war es ein gnädiger Tod. Ein Überleben mit multiplen Brüchen und lebenslangen Behinderungen hätte unermessliches Leid bedeutet. In gewisser Weise hatte er Glück.
Während die Familie trauerte, wurde ein weiterer Patient hereingebracht – von armen Begleitern. Es war ein 20-jähriger Lader von einer Baustelle. Nach zwei Regentagen hoffte er auf Verdienst. Um 13 Uhr kam ein Lkw mit Material. Er kletterte die provisorische Leiter hoch, um die klemmende Tür zu öffnen. Sie schwang auf – und warf ihn drei Meter tief auf den Rücken.
Er wand sich vor Schmerzen. Der Arzt diagnostizierte schwere Rückenmarksverletzung: Gelähmt von der Taille abwärts, lebenslang. Die Begleiter waren Kollegen; die Familie in Maharashtra musste erst benachrichtigt werden.
Ich saß da und beobachtete: Eine Familie trauert um den Verlust eines Kindes, die andere um ein zerstörtes Leben. Für diese arme Familie war der Broterwerber nun hilflos – ein Schlag, den sie kaum verkraften können.
Ich gab den Kollegen mein Bargeld und ging zur Beerdigung des Jungen, mit der Frage: Wer hatte Glück?
Beide Stürze aus gleicher Höhe durch klemmende Öffnungen. Der Zerbrechliche starb, der Starke überlebte – gelähmt.
- von Sudha Vishwanathan