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Der Bruder, der nicht mehr war: Eine wahre Geschichte von Neid, Stolz und Verlust

Der Bruder, der nicht mehr war: Eine wahre Geschichte von Neid, Stolz und VerlustRepräsentatives Bild (Bild: Pexels.com)

Die Geburt eines Jungen als jüngstes Geschwisterkind zu zwei Töchtern war im Haus meiner Freundin Lalitha ein Grund zum Feiern. Die Familie war überzeugt, dass der Sohn das Erbe fortführen würde.

Wir waren Klassenkameradinnen mit einer Freundschaft voller Höhen und Tiefen – mal Rivalität in der Schule, mal tiefe Verbundenheit. Neid kam nie zwischen uns. Doch als Lalithas Bruder Ravi sieben Jahre jünger als sie geboren wurde, spürte ich Eifersucht. Warum durfte ich keinen kleinen Bruder haben? Ich bedrängte meine arme Mutter damit, bis ich die Realität der Natur verstand: Man kann das Geschlecht eines Kindes nicht bestimmen.

Ravi wuchs zu einem brillanten Schüler und gehorsamen Sohn heran. Lalitha prahlte oft mit seinen Streichen und Erfolgen, was meinen Neid schürte. Als unlogischer Vorwurf gegen meine Eltern hallte immer wieder: "Warum haben wir keine Brüder?"

Wir heirateten, zogen auseinander und verloren den Kontakt – in Zeiten ohne Smartphones kein Wunder. Nach acht Jahren trafen wir uns bei einer Hochzeit wieder. Stolz zeigte Lalitha mir Ravvis Visitenkarte: Ravi Gopalakrishnan, Assistant Manager Finanzen, 26 Jahre alt, frisch in ein Haus mit zwei Schlafzimmern gezogen. Die Familie hatte zuvor in enger Einzimmerwohnung mit Eltern, drei Kindern und Großmutter gelebt. Seine Verantwortungsbewusstsein rührte mich zu Tränen. Mein kindlicher Neid war verflogen; Ravi fühlte sich wie ein eigener Bruder an.

Ich fragte nach Heiratsplänen. "Noch ein Jahr, er ist erst 26", sagte Lalitha. Ihr Mann scherzte: "Lass ihn das Junggesellendasein genießen!" Wir lachten.

Monate später las ich in der Zeitung von einem tragischen Jeep-Unfall in den Khandala-Ghats. Um 2 Uhr nachts fuhr die Gruppe nach einem Wochenende in Khandala zurück nach Mumbai. Zwei Benzinkanister hinter dem Rücksitz sorgten für das Desaster: Der Fahrer verlor die Kontrolle, der Jeep prallte gegen einen Stein, die Kanister kippten um, das Fahrzeug geriet in Flammen. Alle neun Insassen verbrannten bis zur Unkenntlichkeit.

Unter den Namen: Ravi Gopalakrishnan, Assistant Manager Finanzen. Zweifelsfrei er. Bei der Beerdigung brach seine Mutter zusammen. Die 86-jährige Großmutter jammerte: "Warum nimmst du ihn, Gott? Nimm mich stattdessen!" Jeder Herz zerriss.

"Früher beneidete ich dich um deinen Bruder. Nun bin ich froh, keinen gehabt zu haben – kein solcher Schmerz", flüsterte Lalitha. "Wenigstens ist er unverheiratet. Von den anderen sind vier verheiratet, einer wird bald Vater, zwei verlobt. Ein schwacher Trost."

– Von Sudha Vishwanathan