
Repräsentatives Bild
Nur zehn Prozent liegen in unserer Hand. Doch wenn wir diese mit hundertprozentigem Glauben einsetzen, können Wunder geschehen.
Es war April 2011 – furchtbar heiß und schwül, wie die Sommer in Kalkutta es immer sind. Die Hitze wurde erträglich durch das Glücksgefühl, wieder in meinem Lieblingskrankenhaus, einem staatlichen Haus, arbeiten zu dürfen. Trotz aller Herausforderungen ist die Arbeit hier unglaublich bereichernd. Man trifft Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft: als Patienten, Pfleger, Verwaltungsmitarbeiter oder Kollegen. Man lernt ihre Werte und Überzeugungen kennen, die ihr Leben antreiben.
Bei unserer routinemäßigen Morgenvisite auf der Operationsstation berichteten meine jungen Assistenzärzte über die Patienten. Plötzlich fiel mir ein kleiner, dünner Junge auf, der wie ein Zehnjähriger wirkte.
"Nehmen wir jetzt pädiatrische Fälle in die Allgemeinbetten auf?" fragte ich überrascht – auf unseren Stationen waren Patienten unter 12 Jahren bisher tabu. Ich dachte, in meiner einjährigen Abwesenheit hätte sich etwas geändert.
"Asif ist 17 Jahre alt, Frau Doktor", klärte Sarthak, ein junger Assistenzarzt, mich auf.
Ich war schockiert!
Sarthak erläuterte die Vorgeschichte: Asif hatte sich in einem ländlichen Krankenhaus eine Blinddarmentfernung unterzogen. Die Wunde heilte nicht, und Fisteln im Unterbauch führten zu einer Leckage des Darminhalts. Die Ärzte dort vermuteten eine schwere Grunderkrankung und verlegten ihn zu uns.
Unsere Untersuchungen bestätigten Morbus Crohn, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung. Trotz intensiver Behandlung über einen Monat war die Erkrankung aggressiver als jede Therapie. Sie hatte Asifs Körper so sehr geschwächt, dass er auf die Größe eines Zehnjährigen geschrumpft war – sein Gewicht nur noch 26 kg.
Neben ihm saß sein Vater Aftab, das Gesicht gezeichnet von Liebe, Hoffnung und Verzweiflung. Er hatte seinen Job aufgegeben, sein Land verkauft, Frau und kleine Tochter zu Verwandten geschickt und wachte rund um die Uhr am Bett seines Sohnes.
Als erfahrene Chirurgin wusste ich: Das war ein hoffnungsloser Fall. Doch Aftabs unerschütterlicher Glaube ließ mich zögern, ihm die harte Wahrheit zu sagen.
Nach ausgiebiger Diskussion mit Kollegen entschieden wir uns für einen letzten verzweifelten Schritt: eine chirurgische Resektion des erkrankten Darmanteils. Das Risiko war enorm – Asif war in der höchsten Anästhesie- und Operationsrisikogruppe.
Wir sprachen offen mit Aftab: Ohne OP höchstens zwei Wochen zu leben, mit OP nur zehn Prozent Überlebenschance. Er blickte uns stumm an und bat: "Operieren Sie morgen. Geben Sie Ihr Bestes mit den zehn Prozent – Gott sorgt für die restlichen 90."
Sein Glaube war ansteckend und gab uns Mut. Nach drei Tagen intensiver Vorbereitung – Blutkonserven, Medikamente, Notfallmaterial – operierten wir. Die fünfstündige OP war ein Drahtseilakt; mehrmals schwand die Hoffnung. Doch Aftabs Worte trieben uns an. Wie durch ein Wunder überlebte Asif und besserte sich allmählich. Nach einem Monat intensiver Nachsorge durfte er mit seinem Vater nach Hause.
Heute ist Asif ausgebildeter Rettungssanitäter und kommt regelmäßig zur Nachsorge. Morbus Crohn ist chronisch, aber gut kontrollierbar. Aftab betreibt einen kleinen Laden im Dorf und begleitet seinen Sohn manchmal.
Jedes Treffen stärkt meinen Glauben: Wunder entstehen durch bedingungslosen Glauben. Zehn Prozent sind unser medizinisches Können – 90 Prozent der Glaube im Herzen.
– Dr. Somdatta Lahiri, Facharztin für Chirurgie