Wir sind vor Kurzem in eine neue Nachbarschaft gezogen – eine enge Gemeinschaft mit nur 16 Häusern, von denen 10 von ehemaligen Armeeoffizieren bewohnt werden und die übrigen von Zivilisten wie uns. Im selben Gebäude lebt der Onkel, der Stationsleiter ist und sich um Reinigung, Sicherheit und Wartung kümmert. Doch hier möchte ich von seiner Frau, Frau Chugh, erzählen.
Wie viele Armeefrauen wirkt sie stets makellos gekleidet, mit einem einnehmenden Charme und perfekter Haltung. Ihr Haar sitzt immer. Doch bei genauerem Hinsehen spürt man eine gewisse Distanziertheit. Sie lächelt flüchtig zum Gruß, doch ihr Gesicht erstarrt sofort wieder in strenger Maske. Ich habe meinem Mann oft gesagt, sie wirke verkrampft. Wir scherzten, jemand solle ihr mitteilen, dass ihr Mann im Ruhestand ist und sie hier nicht mehr die Armee-Disziplin aufrechterhalten müsse.
Sogar ihrem Ehemann schien Wärme zu fehlen. Ich sah sie oft mit ihrer Tochter zur U-Bahn gehen oder allein einkaufen.Häufig stand sie auf dem Balkon im zweiten Stock – ich dachte, sie beobachte das Parken der Autos, da der Komplex ruhig ist. Selbst in Delhis Hitze blieb sie dort. Ich nannte sie im Stillen "fanatisch". Eines Tages ritzte ein Gast beim Einparken ihr Auto. Ich erwartete einen Ausbruch, doch sie eilte herunter, inspizierte den Schaden ruhig und mahnte den Fahrer nur zur Vorsicht.
Eines Abends sah ich bei meiner Rückkehr vom Dienst einen Polizeiwagen mit Blaulicht im Komplex. Auf dem Weg zu unserer Wohnung bemerkte ich Tumult in Frau Chughs Haus. Ich ging weiter. Später fragte ich die Wache: Die Polizei war wegen ihres Sohnes da. Ich kannte nur die Tochter – der Sohn litt unter psychischen Problemen und Drogenabhängigkeit. Er schlich sich davon, um sich Drogen zu besorgen. Deshalb wachte sie vom Balkon aus. Manchmal wurde er aggressiv und prügelte die Eltern – diesmal griff er sie an. Der Onkel rief die Polizei. Dann sah ich sie herunterkommen: Zum ersten Mal in sechs Monaten zerzaust, in zerknittertem Nachthemd, Haare verschoben, Augen geschwollen. Doch sie strahlte Stärke aus. Zur Polizei sagte sie: "Bitte nehmen Sie ihn mit. Er weiß den Unterschied zwischen richtig und falsch noch nicht." Der Onkel wollte abwiegeln, sie hielt jedoch Fassung hinter ihren Tränen. Sie schenkte mir ihr kurzes Lächeln, während ihr weinender Sohn von einem Polizisten gehalten wurde.
Plötzlich sah ich sie mit anderen Augen. Ich erkannte ihr Trauma – und wie sie trotz allem Haltung bewahrte. Das ist pure mütterliche Kraft. Mehr Power für sie!
Von Kalpana Sharma