Ich wünschte, meine Eltern hätten einen Sohn (repräsentatives Bild)
Wir waren immer eine glückliche Familie: Mama, Papa und ihre drei Töchter. Mein Vater hat uns nie spüren lassen, dass er einen Sohn vermisste. Stattdessen hat er uns mit unendlicher Liebe und Fürsorge großgezogen und immer mehr an uns geglaubt, als wir selbst. Er verschaffte uns die beste Bildung, die möglich war, und machte uns unabhängig, indem er uns antrieb, unser Bestes zu geben. Auch Mama war keine klassische Hausfrauen-Mutter, die uns zum Putzen oder Anprobieren von Kleidern verdonnerte. Sie motivierte uns stattdessen, zu lernen und eine strahlende Zukunft aufzubauen.
Schnellgespult in die Gegenwart: Die drei Töchter sind glücklich verheiratet und finanziell unabhängig – alles Dank der starken Erziehung unserer Eltern.
Es war ein ganz normaler Sommernachmittag in den Ferien. Wir drei besuchten unsere Eltern. Papa kam zum Mittagessen heim. Als Diabetiker, der mit Insulininjektionen lebte, musste er strikt auf seine Essenszeiten achten. Ich sah ihn im Wohnzimmer auf einem Stuhl sitzen, starr ins Leere blicken. Der Fernseher war aus, doch er hantierte weiter mit der Fernbedienung.
„Papa, der Fernseher ist aus“, sagte ich, doch er reagierte nicht. Es war seine Mittagszeit, wir wollten ihn zum Essen bewegen, aber er verschluckte sich, weigerte sich, den Mund zu öffnen, wurde kalt und verschwitzt. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich rieb ihm den Rücken, während Schwestern und Mama die Nachbarn – Tante, Onkel, Cousins – riefen. Alle eilten herbei, Papa saß wie erstarrt da. Nach Minuten kam er zu sich, aß etwas, nahm seine Medizin und schlief ein. Sein Blutzucker war abgestürzt – nichts weiter.
Doch dieser Schreck ließ mich nachdenken: Was, wenn es wieder passiert und wir drei nicht da sind? Wer reibt Papa den Rücken, füttert ihn, gibt Medikamente? Mama schafft das allein nicht. Wir egoistischen Töchter kehren zu unseren Ehemännern zurück, kümmern uns um deren Eltern und lassen unsere eigenen allein. An diesem Tag, mit 27 Jahren, wünschte ich mir erstmals einen Bruder – der Mama zum Markt fährt, Papa zum Arzt bringt, einfach da ist.
Wozu all die Bildung und Energie für Töchter, wenn sie im Alter nicht für die Eltern da sein können? Wen soll ich fragen? Diese patriarchale Gesellschaft diktiert: Töchter heiraten, verlassen das Haus, lassen Eltern zurück – weil Gott keinen Sohn schenkte. Vielleicht reichen drei Töchter aus, um zu sorgen, doch die Gesellschaft schreibt anderes vor. Mein Wert als Schwiegertochter zählt mehr als als Tochter. Wir beten zu Gott, folgen aber gesellschaftlichen Regeln.
Warum muss eine Tochter nach der Hochzeit gehen? Warum nicht Eltern bei Töchtern wohnen lassen? Warum werden verheiratete Töchter zu Gästen im eigenen Elternhaus?
Zurück bei meinem Mann, ist mein Herz zu Hause. Bei jedem Anruf von Mama oder Schwestern pocht es: „Geht's Papa gut?“ Ich wünschte, ich könnte es mit eigenen Augen sehen.
– Von Uzma Momin