Geschrieben von Buddhadev NandiEs war ein kalter Wintermorgen. Alarmiert von einem Tumult spähte ich durchs Fenster. Ein alter Mann wurde von einer Gruppe Jugendlicher schikaniert, die ihm unflätige Beschimpfungen hinterherriefen. Besonders seine schwarze Tasche erregte ihre Aufmerksamkeit – jedes Mal, wenn er sich zum Gehen wandte, zerrten sie daran. Der Ältere geriet in Rage, seine Stimme überschlug sich. Seine Hände zitterten, die Lippen bebten. Ich ahnte Schlimmes und eilte hinaus, um einzugreifen und die Jungen zurückzuhalten.
Später erfuhr ich: Der Mann explodierte regelrecht, sobald jemand seine Tasche berührte. Niemand vor Ort kannte ihn genau, er stammte nicht aus unserer Gegend. Ich tippte auf etwas Wertvolles darin. Ein ortskundiger Süßigkeitenverkäufer klärte auf: Die Tasche enthalte wichtige Urkunden und Grundbucheinträge zu Land und Immobilien. Jeder sei für den Alten ein potenzieller Dieb, der ihm sein Eigentum nehmen wolle. Er sprach mit solcher Überzeugung, als wäre er ein alter Bekannter des Mannes.
Einige Wochen später, am Tag der Saraswati-Puja, hatte unser lokaler Verein einen prächtigen Pandal mit funkelnden Lichtern errichtet. Nur der Lautsprecher mit billigen Filmmelodien störte. Ich schloss Türen und Fenster, um den Lärm fernzuhalten.
Mittags wehte plötzlich kein Schlager mehr herüber, stattdessen rezitierte eine sonore Stimme kurze Gedichte. Ich öffnete alles weit, um zuzuhören. Der Sprecher stellte oft das Thema vor: Nat lyric oder kindgerechte Nonsensreime. Beeindruckt ging ich zum Pandal – und staunte: Es war jener verärgerte Alte! Ich unterbrach ihn höflich und erfuhr: Er war pensionierter Lehrer für bengalische Literatur an der Dorfschule und trug seine eigenen Gedichte vor.
An jenem Pujatag hielt er seine Fassung. Als die Jungen wieder stichelten, öffnete er die Tasche und zeigte den Inhalt: Reine Manuskripte seiner Verse. In der Pause des Lautsprecherbedieners nutzte er die Gelegenheit. Zu meiner Rührung halfen seine einstigen Quälgeister nun: Sie stellten das Mikro auf, reichten Blätter und hielten sogar die Tasche – jenen Streitpunkt.
Da verstand ich: Für ihn barg die Tasche seinen größten Schatz, seine unverzichtbaren Manuskripte. Tatsächlich waren es Edelsteine.
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