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Der Philosoph am Straßenrand: Weisheit aus dem indischen Winteralltag

Der Philosoph am Straßenrand: Weisheit aus dem indischen WinteralltagIch hatte Jacke, Schal, Mütze und Handschuhe angezogen. Mein Blick ruhte auf dem Fahrrad, und ich fragte mich, ob die endlosen Pedaltritte kommen würden oder nicht. Letztlich entschied ich mich, zu Fuß zu gehen. Ein Winterspaziergang, wenn man warm eingepackt ist, wirkt wie Therapie – wie Rumi es ausdrückt: „Wenn du gehst, flüstern Engel.“

Der Nebel verschluckte die Sonne, ein brutaler, kalter Wind zerstörte jede Spur von milder Brise. Die feuchten, leeren, stillen Straßen verwandelten meine Einsamkeit in pure Beschaulichkeit. Die unberührte Aura eines Wintermorgens ohne den Trubel des Alltags lädt zum Verweilen ein. Auf der Hauptstraße angekommen, sah ich Menschen am Feuer einer Teebude sitzen. Kein Wunder, dass Feuer und Tee für die Engländer zu den größten Errungenschaften der Menschheit zählen. Ich bestellte meinen Chai.

Einen Teestand in Indien zu besuchen, wo das echte Land im lokalen Dialekt spricht, schärft die eigene Weisheit. Während alle zitterten, fiel mir ein Mann auf, der nur in einem genähten Hemd und zerrissener Hose über seiner Rikscha lag. Ich konnte nicht widerstehen und fragte: „Miyan, tumhe thand nahi lag rahi hai?“ Er blickte nicht einmal auf und erwiderte mit Worten, die selbst große Philosophen in Verlegenheit setzen würden: „Bhai, gareeb ko sirf bhook aur pyaas lagti hai, baaki sab fanaa hai“ (Ein Armer spürt nur Hunger und Durst, alles andere ist vergänglich). Er paffte an seiner Beedi wie an einer Zigarre und ließ mich sprachlos zurück.

Das Leben am Straßenrand im Norden Indiens ist geprägt von Leid und täglichen Kämpfen – ein herzzerreißendes Schauspiel. Mahatma Gandhi sagte einmal: „Es gibt Menschen auf der Welt, die so hungrig sind, dass Gott ihnen nur in Form von Brot erscheinen kann.“ Hunger ist die gnadenlose Realität ihres Daseins. Ich fragte mich betroffen: Braucht Armut eine Decke oder Brot? Oder hat sie gar keine Prioritäten? Die Armen haben nur eine Wahl – Hobsons Wahl in Gestalt von Brot.

Mit Hunderten Gedanken im benebelten Kopf machte ich mich auf den Weg. Meine Schritte und Gedanken waren nicht im Takt. Plötzlich drang aus einem Radio die ferne, melodische Stimme von Mohd Rafi: „Main zindagi ka saath nibhata chala gaya, har fikr ko dhuyen mein udta chala gaya.“ Radios sind fester Bestandteil des indischen Straßenlebens. Meine Gedanken wanderten zurück zum Rikschafahrer, der Rauchwolken in den Nebel blies und Trost suchte. Ich erkannte: Nur die Armen kennen den wahren Unterschied zwischen Melancholie und Glückseligkeit – nicht wir.

Von Naved Ahmad