Ich hielt Engel lange für kindliche Fantasien – himmlische Wesen in Weiß mit Flügeln und Zauberstab. Doch eine unerwartete Reise lehrte mich etwas anderes: Engel existieren und erscheinen genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht.
Im November 1993 begannen die Winterferien. Als Zehnjährige reiste ich mit meiner Familie nach Matheran, einer idyllischen Bergstation nahe Mumbai, umgeben von üppigem Grün. Unsere Spielzeugeisenbahn chuggt gemächlich durch die Landschaft, vorbei an steilen Klippen mit Blick auf tiefe Täler. Im gemütlichen MTDC-Gästehaus richteten wir uns ein und genossen ein herzhaftes maharashtrianisches Mittagessen, bevor wir die autofreie Kleinstadt erkundeten.
In Matheran dienen Pferde und Handkarren als Transportmittel. Vom Gästehaus entfernt ritten wir zum Markt, umgeben von dichten Wäldern. Gegen 22 Uhr wollten wir zurückkehren. Auf dem Parkplatz fanden wir nur wenige Pferde, deren Reiter ablehnten: Nach 20 Uhr keine neuen Buchungen. Ohne Taschenlampe gingen wir zu Fuß bergab, hoffend auf Hilfe.
Die finstere Nacht, drängende Bäume und Warnungen vor wilden Tieren weckten Ängste. Nachtaktive Insekten und raschelnde Blätter verstärkten das Gruseln. Meine Mutter sang Hanuman Chalisa, wir Kinder klammerten uns aneinander. Bald merkten wir: Wir hatten uns verlaufen. Ermüdet vom Tag setzten wir uns hin, Tränen in meinen Augen.
Plötzlich blendete ein helles Licht auf. Ein junger Reiter mit Fackel erschien. „Was tut ihr um diese Zeit hier?“, fragte er. Mein Vater erklärte unsere Lage. „Es ist gefährlich“, sagte er, „kommt mit, ich bringe euch ins Gästehaus.“ Ungläubig folgten wir. Auf seinem Pony führte Pramod – so hieß er – uns durch die Kurven, erzählte fesselnde Pferdeg Geschichten und linderte unsere Furcht. Um 3 Uhr morgens erreichten wir das MTDC. Beim Schein der Laterne dankten wir ihm überschwänglich. Mein Vater bot Geld an, doch Pramod lehnte ab: „Es ist meine Pflicht.“ Rasch galoppierte er davon.
Am Morgen fragten wir die lokalen Reiter nach Pramod, um uns zu revanchieren. Erstaunt erfuhren wir: Kein Pramod existiert in Matheran oder den Nachbarorten.
Wer war er? Zweiundzwanzig Jahre später erzähle ich meinem Kind die Geschichte. Sein Bild eines Reiters mit Lampe, beschriftet „Engel“, lässt mich lächeln.
– Rashmi Manvi