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Hätte ich doch Kleingeld für diese mutige Dame im Zug gehabt…

Hätte ich doch Kleingeld für diese mutige Dame im Zug gehabt…Es war ein ganz normaler Wochentag auf dem Weg zur Arbeit. Nur der Dauerregen seit der Nacht sorgte für Unregelmäßigkeiten: Die Züge verspäteten sich um 10 bis 15 Minuten. Am Zielbahnhof quoll der Bahnsteig über vor Menschen – typisch für den Stoßverkehr. Ich drängelte mich durch die Menge und erreichte erleichtert die untere Treppenstufe. Dort griff ich reflexartig in die Vordertasche meiner Tasche: Sie stand offen. Panisch durchsuchte ich sie und stellte fest, dass meine Geldbörse mit dem Kleingeld fehlte.
Dieser kleine Verlust – höchstens ein paar Hundert – löste in mir eine Welle der Wut aus. Nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Dreistigkeit des Diebs. Ich vermutete einen dieser flinken Jugendlichen, die im Gewühl zuschlagen. Vor zwei Wochen hatte meine Schwester ihr Handy auf ähnliche Weise verloren. Den ganzen Tag kreisten meine Gedanken um Ungerechtigkeit: Warum nehmen sich manche alles so leicht, während andere hart arbeiten? Am Abend war ich geistig ausgelaugt und bereute nur, nicht vorsichtiger gewesen zu sein.

Im Heimzug fand ich einen Platz am Fenster, lehnte mich zurück und schloss die Augen – zu viel Nachdenken den Tag über. Nach zwei oder drei Stationen drang eine zittrige Stimme zu mir: Jemand bot Waren feil. Ich öffnete die Augen und sah eine alte Dame mit runzeliger Hand, die billigen Schmuck hochhielt. Trotz des schwankenden Zugs stand sie fest, ihre Stimme bebte, ihr Wille war unerschütterlich. Es berührte mich tief, dass sie in ihrem Alter im überfüllten Pendlerzug ihren Lebensunterhalt verdiente. Andere Passagiere reagierten schnell: Sie kauften, ein junges Mädchen bot Wasser an. Bald war ihr Lager fast leer, sie plauderte fröhlich mit den Damen im Abteil.
Als die nächste Station nahte, kramte ich verzweifelt nach Kleingeld – um ihr etwas abzukaufen und ihren Geist zu ehren. Doch der Diebstahl des Morgens hatte mich mittellos gemacht. Sie stieg aus, und sie blieb in meinen Gedanken. Meine Reue wandelte sich: Nicht der Verlust, sondern dass ich ihr nichts geben konnte.
Geschrieben von Nikita Gupta