Ich habe immer geglaubt, ein eigensinniges Mädchen gewesen zu sein. Doch mit 34 Jahren machen mich Emotionen und enge Bindungen verletzlich. Ist es nicht in Ordnung, sich schwachen Gefühlen hinzugeben und einfach loszulassen? Vielleicht sogar heilsam, weil man dadurch mehr über sich selbst lernt. Diese Erkenntnis verdanke ich meiner sechsjährigen Tochter. Nach Feierabend kümmerte ich mich um die üblichen Küchenaufgaben und stritt mich leicht mit meinem Mann über das Essen. Die Sache war nicht dramatisch, doch Tränen rannen mir über die Wangen. Ich fühlte mich hilflos gestrandet. Was dann geschah, ließ mein Herz schmelzen.
Meine Tochter hatte alles beobachtet und erkannte: Mama ist traurig. Sie kam her, umarmte mich mit dem reinsten Lächeln und reagierte nicht auf den Streit – Gott sei Dank, das hätte alles verschlimmert. Stattdessen schenkte sie mir diese pure, einfache Zuneigung, die mich erleichtert aufatmen ließ. In ihren Armen fühlte es sich wunderbar an. Die unschuldige Umarmung löschte die wachsende Negativität in mir und hinterließ ein warmes, geheiltes Gefühl.
Den Rest des Abends grübelte ich darüber nach, wie eine herzliche, ungebetene Umarmung den Gemütszustand verändern kann – besonders wenn man sie gerade so sehr braucht. Ich schloss die Augen und erinnerte mich an Umarmungen aus meinem Leben, die mich getröstet hatten. Oft kamen sie von Menschen, die nicht mal enge Freunde waren. Doch genau in dem Moment waren sie Gold wert und beruhigten meinen emotionalen Sturm.
Manchmal brauchen wir eben nur diese spontane Umarmung, um zur Ruhe zu kommen.
Umarmungen brechen den Kreislauf negativer Gefühle in Beziehungen ab. Sie verhindern, dass Groll und böse Gedanken sich zwischen Liebenden ausbreiten.
Es ist entscheidend, Leidende zu umarmen. Doch ebenso wichtig: Menschen ohne ersichtlichen Grund umarmen. Eine echte Umarmung verbreitet pure Liebe. Egal wie alt wir sind, wir sehnen uns alle nach warmer Geborgenheit – genau wie in der ersten Umarmung im Schoß unserer Mutter, wo unsere Reise begann.