Ich wuchs in der kleinen Stadt Kashipur in Uttarakhand, Indien, auf – einer Welt ohne Multiplex-Kinos, nur mit Rikschas als Transportmittel. Dort lernte ich früh, den ständigen Vorwürfen des Slut-Shamings zu entkommen. Mit einem männlichen Freund auf der Straße zu laufen, galt als Affäre, vergleichbar mit Ehebruch oder vorehelichem Sex in den Augen der Gesellschaft. Jeder mischte sich in fremdes Leben ein. Meine Eltern, die zwei Töchter großzogen und keinen Sohn hatten, standen ständig im Spottlicht. Sie wurden oft zu Feiern bei der Geburt eines Sohnes nicht eingeladen. Als Kind durften meine männlichen Spielkameraden aus dem Park mein Haus nicht betreten, aus Angst vor meinen 'sündigen' Eltern. Spätabends – sagen wir bis 19 Uhr – nach Hause zu kommen, weckte bei Nachbarn Verdacht auf Tod oder Affäre, was zu Schlampe-Beschimpfungen führte. Die Länge meiner Kleidung war Allgemeinbesitz. Sogar das Namensschild am Haus mit meinem Namen wurde kritisiert – Freunde meines Vaters rieten, nur den Sohnennamen zu nennen. Ich könnte endlos von diesen Erfahrungen erzählen.
Vor etwa zwei Jahren zog ich mit 21 nach Delhi. Die Metropole war eine Offenbarung: Ja, patriarchale Strukturen existieren, doch Frauen hier tragen sie selbstbewusst und nennen sie biasiert. Ich lernte, dass Kleidungslänge nicht meinen Charakter definiert. In Schule und College hieß es immer: Bedeckung verhindert Vergewaltigungen. Als Mädchen sollte ich mich wie ein Junge verhalten, um Respekt zu erlangen. In Delhi zählt jedoch Entschlossenheit für Rechte – das schafft Identität und Anerkennung.
Als Teenager weinte ich Nächte lang ins Kissen: Warum musste ich Frau sein? Ich verfluchte mich und meine Familie für angebliches Unglück. Frauenmuster: Vermeide Vergewaltigung, Slut-Shaming und gewinne etwas Gewicht in der Gesellschaft. Respekt erhielten nur mächtige Frauen – Politikerinnen, Richterinnen, Beamtinnen. Meine Eltern drängten mich darauf, trotz meiner Träume einer kreativen Karriere. Würde siegte über Leidenschaft; ich ergab mich dem System.
Zwei Jahre Delhi lehrten mich: Jeder Mensch verdient Respekt, unabhängig von Karriere. Sogar Hausfrauen haben Stimme als Teil der Gesellschaft. Es war schwer, meine patriarchale Sicht zu revidieren. Chauvinismus existiert, doch die Großstadt verurteilt ihn als unfair und protestierenswert. Meine Mutter zitierte einst aus einer Serie über Draupadi: 'In einer männerdominierten Welt müssen Frauen höher stehen, um zu siegen.' Damit wuchs ich auf – Jungen als Konkurrenz, später Eifersucht und Resignation als Mädchen.
Heute habe ich Freunde aller Geschlechter in Delhi. Sie feiern meine Erfolge gleichermaßen, unabhängig von meinem Geschlecht, und motivieren bei Misserfolgen.
Es war ein Kulturschock. Meine Kindheit unterscheidet sich radikal von meiner neuen Weltsicht. Individualität basiert auf eigener Wahrnehmung, nicht auf Stereotypen.
- Von Nikita Bishnoi