"Schau mal", rief Tavish und sprang von seinem Fensterplatz auf. "Ein weiterer Zug fährt an uns vorbei!" Wir fuhren mit einem Nahverkehrszug. Mein Mann und ich hatten uns in die Newsfeeds unserer Smartphones vertieft, statt die vorbeiziehende Landschaft zu genießen.
Ich lächelte Tavish an – sein ansteckendes Grinsen à la Cheshire Cat war unwiderstehlich.
"Warum war er schneller als wir?", fragte er enttäuscht, nachdem der andere Zug vorbeigezischt war. "Jedes Mal hoffe ich, im schnellsten zu sitzen, aber wir landen immer im Langsamsten."
"Nein, so ist es nicht", erklärte ich. "Der Zug wirkte nur schneller. In Wirklichkeit könnte unser Zug der schnellere sein – es kommt auf die Perspektive an."
"Wie bitte?", fragte Tavish mit großen Augen voller Neugier.
Mein Mann schenkte mir ein aufmunterndes "Viel Glück"-Lächeln.
"Das erkläre ich dir zu Hause", versprach ich und gewann so Zeit, um das Konzept der Relativgeschwindigkeit kindgerecht zu erklären, ohne meinen Fünfjährigen zu überfordern.
Tavish beruhigte sich und kommentierte begeistert jedes Detail draußen. Unser Halt war nah, doch ich schloss die Augen und dachte nach.
Ein trockener Mathe-Vortrag wäre nichts für ihn. Stattdessen fiel mir ein: Auch im Alltag täuscht uns Relativgeschwindigkeit. Im Büro, zu Hause, auf Partys oder in sozialen Medien vergleichen wir uns – und leiden darunter.
Wir applaudieren fremden Erfolgen, projizieren sie auf unser Leben und fühlen uns dann zurückgeblieben. Ideal wäre es, nicht zu vergleichen. Wir wissen es, predigen es – doch umsetzen? Selten.
Der Zug bremste. Eingekeilt zwischen Mann und Sohn spürte ich erneut, wie leicht Smartphones unser Wohlbefinden rauben und wir unsere eigenen Segnungen unterschätzen.
Aussteigend entdeckte Tavish einen Seifenblasenmann. "Ich will eine! Magie pur – Regenbögen aus Luft!"
Mein Mann kaufte den Ring. Ich lächelte zufrieden. Relativgeschwindigkeit, dachte ich, würde ich meinem Sohn sanft näherbringen – für Mathe und das Leben.
– Von Tanima Das Mitra