Wie jeden Tag hat mich Facebook an einige Geburtstage erinnert. Von den vier Namen kannte ich nur einen richtig gut, die anderen waren bloße Bekannte. Dennoch tippte ich bei allen 'Happy Birthday'. Der letzte Name fiel jedoch besonders auf: Ich hatte mit ihr telefoniert, um Ideen für meine Geschichten zu sammeln, wusste sonst aber wenig über sie. Ihr strahlendes Lächeln im schwarzen Kleid weckte meine Neugier – ich klickte auf ihr Profilfoto. Beim Durchstöbern ihrer Alben stieß ich auf ein Bild aus 2010: Sie saß entspannt mit einem Mann zusammen. Das war ihr erstes Solo-Foto mit ihm, und es machte mich neugierig. Ich las die Kommentare: 'Süßes Paar', 'Ihr seht toll zusammen aus'. Offenbar ihr Schulkumpel oder Ex. Er war nicht getaggt, doch über die Kommentare fand ich sein Profil. Nach 2011 keine Interaktion mehr. Heute ist er adrett wie eh und je, mit einer neuen Partnerin.
Ermüdet vom digitalen Stalking schaltete ich den Laptop aus. Doch eine Frage blieb: Warum hatte sie sein Bild nicht gelöscht? Gerade in Zeiten, da Social Media gnadenlos die Vergangenheit aufdeckt. Er hingegen hatte jede Spur von ihr getilgt.
Liebt sie ihn noch? Oder gibt es tiefere Gründe? Jeder hat eine Vergangenheit mit Reue-Momenten – Fehlern, Affären, die man am liebsten ungeschehen machen würde. Doch dieses Mädchen umarmt ihre Geschichte mit derselben Wärme wie die Gegenwart. Vielleicht, weil sie sie zu der starken Frau gemacht hat, die sie heute ist. Sie versteckt nichts, sondern bewahrt es als lebendige Erinnerung.
Viele kaschieren die Vergangenheit aus Angst vor negativen Gefühlen oder Verletzlichkeit. Sie fürchten, in Beziehungen 'weniger' zu wirken oder Macht zu verlieren. Als Autorin mit Jahren Erfahrung auf Social Media wünsche ich mir diesen Mut: Meine eigene Geschichte offen zu legen, statt sie zu verbergen. Nicht jeder schafft das.