Repräsentatives Bild
Es war ein milder Septemberabend in Delhi. Unerwartete Wolken zogen auf und versprachen Regen. Vom Balkon aus, mit einer Tasse Abendtee in der Hand, bot sich mir ein atemberaubender Anblick: Libellen schwebten durch die Luft und kämpften gegen den aufkommenden Wind an.
Zuerst waren es nur wenige, dann Dutzende. Ich hatte noch nie Libellen in Delhi gesehen. Mein erster Gedanke: War das ein Omen für eine Naturkatastrophe? „Vögel und Tiere spüren Erdbeben zuerst“, hatte meine Mutter immer gesagt.
Ich stürmte hinein und rief meinem Mann zu: „Ich glaube, es kommt ein Erdbeben!“
„Warum denn?“, fragte er gelassen.
„Überall Libellen – und sie fliegen!“ Endlich weckte ich seine Neugier. Gemeinsam standen wir auf dem Balkon. Hypnotisiert beobachteten wir das Schauspiel, während ich fieberhaft nach Wetterwarnungen googelte.
„Das wirst du bereuen“, sagte er schmunzelnd.
„Was?“
„Den Tanz der Libellen verpasst zu haben.“
Mit neuem Blick entdeckte ich die Schönheit dieses Herbstabends. Die Natur schenkte uns ein einzigartiges Spektakel. Statt mir um ein unwahrscheinliches Erdbeben Sorgen zu machen, ließ ich mich von diesem Moment verzaubern.
Wir sahen zu, wie die Libellen in die Dämmerung entschwebten. Nicht alles Unerwartete birgt Gefahr – manchmal ist es pure Magie.
– Von R. Kashyap