Repräsentatives Bild
Von ihr habe ich gelernt, was wahre Geduld bedeutet. Sie zeigte mir, wie man sich hingebungsvoll einbringt und das Leben in vollen Zügen genießt. Für die Welt eine bescheidene, ganz normale Frau – für mich meine erste Freundin nach der Heirat. Vor über 15 Jahren lernte ich sie kennen. Frisch verheiratet war ich von der Metropole Ahmedabad nach Baroda gezogen. Eine neue Stadt, völlig fremde Menschen – inklusive Ehemann und Schwiegereltern – stellten mich vor große Herausforderungen. Ich übernahm eine Stelle in der Hypothekenabteilung einer multinationalen Bank, wo ich täglich mit Kunden, Bauherren, Anwälten und Technikern zu tun hatte. Sie arbeitete als Kundenbetreuerin bei einem renommierten Bauunternehmen. Nach monatelangem Telefonkontakt über Dokumente legten wir endlich ein Treffen fest. Ich kannte bereits ihren Namen und ihre wohlklingende Stimme.
An jenem heißen Sommernachmittag wartete ich in ihrem Büro. Als sie eintrat, war ich baff von ihrer Aura. Tatsächlich so schön wie ihr Name „Manisha“. Höflich und geduldig hörte sie meine Fragen an und half bei den Lösungen.
Trotz ihrer introvertierten Natur wurden wir enge Freundinnen. Mit der Zeit merkte ich, dass sie älter und erfahrener war als ich. Sie lebte in einer großen Familie mit Eltern und Geschwistern.
Wie jedes indische Mädchen hatte sie Träume, die sie verfolgen wollte. Doch das Schicksal meinte es anders. Ich sah sie erschüttert und gebrochen von Kämpfen im Privat- und Berufsleben – doch nie jammerte oder gab sie auf. Innerlich tobte ein Sturm, doch äußerlich blieb sie ruhig und gelassen. Kaum jemand, nicht mal ihre Familie, ahnte von ihren Mühen. Sie verlor mehrmals ihren Job, doch ihr Geist blieb ungebrochen.
Sie wurde meine erste Mentorin nach der Heirat. Handys waren damals Luxus, es gab keine WhatsApp oder Internet. Wir schrieben Briefe und nutzten STD-Anrufe. Sie war mein Licht in der Dunkelheit, immer da für Familie und Freunde – doch wen hatte sie selbst?
Eines Morgens 2004 erreichte mich im Büro ein Anruf auf dem Festnetz: Manisha hatte einen schweren Unfall und lag im Krankenhaus. Schockiert eilte ich hin. Ihr Anblick brach mir das Herz: Schwere Verletzungen, Brüche an Hand und Bein, Verbände überall, besonders am Kopf. Gesicht und Augen völlig geschwollen.
In der Nacht zuvor hatte der Unfall stattgefunden. Ärzte hatten lebensrettende Operationen durchgeführt wegen einer schweren Kopfverletzung.
Die Person, die ich so liebe, verehre und respektiere, bandagiert im Krankenbett zu sehen – das war das Schlimmste meines Lebens. Die ganze Familie war versammelt. Ich betete für ihre Genesung und wartete sehnsüchtig darauf, dass sie die Augen öffnete. Die Ärzte prognostizierten 15 Tage Klinikaufenthalt plus zwei Monate Bettruhe.
Am Nachmittag öffnete sie die Augen – und lächelte. Sie dankte Gott für ihr Überleben. Diese Geste staunte mich an. Sie gab uns Mut, versicherte, alles würde gut werden. Ihre Willenskraft war enorm. An diesem Tag lernte ich: Egal was kommt, verliert nie Selbstvertrauen, Willen und Entschlossenheit. Begegne dem Leben positiv und mit Lächeln – du wirst siegen. Monate später erholte sie sich vollends, Narben verblassten nach Jahren.
Das Leben geht weiter. 2006 verließ ich Indien. Trotz der Distanz wuchs unsere Freundschaft. Die besten Erinnerungen verbinden uns: Kämpfe, Debatten, Lachen, Feiern, Shopping und Kino. Noch heute starten wir den Tag mit verpassten Anrufen als „Guten Morgen“. Seit 14 Jahren unser Ritual, das uns stärkt.
Dank moderner Technik bleiben wir nah, trotz Meilen. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch, um unsere Freundschaft zu feiern.
- Von Lamiya Siraj