Meine Kindheitserinnerungen an meine Mutter sind lebendig und voller Bewunderung. Sie war eine Quelle unerschöpflicher Energie: eine brillante Köchin, die ohne moderne Hilfsmittel die gesamte Hausarbeit meisterte – immer mit einem Lächeln. In einer Zeit, als Elektrogeräte in indischen Küchen rar waren und selbst Gasherde unüblich, zauberte sie köstliche Mahlzeiten auf den Tisch. Sie wusch, bügelte und verräumte unsere Kleidung eigenhändig. Heute wirkt das wie eine Heldentat!Eines Tages sah ich sie mit Brille eine Zeitung lesen und fragte neugierig: „Warum nimmst du die Brille nicht ab?“ Ihre Antwort: „Ich kann nicht lesen.“ Ohne Brille sah sie Wörter als schwarze Linien auf weißem Papier. Oft bat sie mich, 50-Paisa- und 1-Rupien-Münzen zu unterscheiden – für den Gemüseverkäufer. Als gebildete Frau schockierte mich das. Beim Nähen kämpfte sie mit dem Faden in der Nadel und holte mich um Hilfe. Damals lachte ich noch darüber.
Meine hingebungsvolle Mutter liebte das Stricken. Für uns Kinder fertigte sie Pullover, die selbst Markenware nicht toppen konnte – Liebe in jedem Stich. Ich war zu jung, um das Kunstwerk aus Wolle und Nadeln zu schätzen. Nach der Hausarbeit saß sie bis tief in die Nacht oder den frühen Morgen, um uns warme Wollsachen zu stricken. Wir prahlten stolz damit.
Als Junge ahnt man nicht, dass man dereinst selbst altert. Heute, Anfang 50, wiederholt sich die Geschichte: Ohne Brille sind Wörter für mich schwarze Linien. Ich unterscheide keine 1- und 2-Rupien-Münzen mehr. Meine erwachsenen Kinder fädeln den Nadel für mich ein. Brillen, einst gehasst, sind nun mein Segen.
Heute sitzen wir beide – Mutter und ich, beide mit Brille – und lesen Zeitungen, Magazine und Romane. Doch ich reiche immer noch nicht an sie heran. Als ehemalige Lehrerin mit fundiertem Wissen beantwortet sie Fragen aus „Kaun Banega Crorepati“ mühelos. Sie jubelt wie ein Kind bei Cricket-Matches, ob IPL oder World Cup, und opfert dafür sogar Schlaf.
Sie blieb stets geduldig beim Unterrichten, während wir bei Fragen unserer Kinder die Fassung verlieren. Von unseren Eltern können wir so viel lernen. Moralische Werte verblassen nicht von allein – wir Eltern tragen Verantwortung. Mit Liebe und Zeit unsere Kinder begleiten, wie unsere Eltern es taten, ist der Schlüssel.
Wie gesegnet bin ich mit einer solchen Mutter! Die Leute sagen, Kinder seien Gottes Geschenk – ich glaube, Mütter sind es.
(Von Archana Agarwal)