Diesmal fehlte die Vorfreude. Meine Mutter fragte besorgt nach meinem Gemütszustand – ich war den Tränen nah. Der Zug sollte um 16 Uhr abfahren, doch das Warten wurde zur Qual. Meine Naani wusste, wie unruhig ich wurde, wenn die Zeit zum Abschied nahte. Erst in den nächsten Sommerferien würde ich sie wiedersehen. Die Angst nagte an mir. Wie sollte ich die Stunden bis zur Abfahrt überbrücken? Kaali, unser treuer Hund, spürte meine Gefühle und blieb ruhig an meiner Seite.
Seit Jahren verbrachte ich meine Sommerferien im Haus meiner Großmutter in Alt-Delhi. Für einen Jungen wie mich war die Heimreise immer schwer, genau wie für viele meiner Klassenkameraden. Die aufregenden Zugfahrten waren ein Highlight: Stundenlang starrte ich aus dem Fenster auf vorbeiziehende Felder und Masten. Naanis Zuhause pulsierte vor Leben. Mit Mutter, Naani, Onkel und Kaali verwandelten wir es in ein Fest der Freude. Naani war eine rundliche, herzliche Frau. Ich liebte es, ihre faltigen Hände zu streicheln, ihre rosigen Wangen zu sehen, die wie der Morgensonne glühten. In der Küche zauberte sie traditionelle Köstlichkeiten. Sie vergötterte mich und ignorierte alle Regeln zu Disziplin und Ernährung.
Auf der Terrasse zu schlafen, die kühle Nachtbrise zu spüren und Sterne zu beobachten – unvergesslich. Trotz Stromausfällen schliefen die Frauen drinnen, wir Männer draußen. Onkel nahm mich mit in die Stadt: Sightseeing, Kino.
Kaali, mein Lieblingstier, war unbezahlbar. Naani sagte, er bewache das Haus, seit sie ihm einmal Futter gab. Er bellte jede vorbeifahrende Rikscha an.
Mit Onkel teilte ich eine besondere Verbindung. Am Vorabend holten wir Hühnercurry – ein Genuss für uns, während Mutter und Naani vegetarisch aßen. Kaali knabberte die Knochen. Onkels Goldschmiedeladen auf dem Markt, gelernt von einem Verwandten, faszinierte mich mit funkelnden Edelsteinen.
Doch dann das: Ich starrte auf den Ring mit meinem Geburtsstein-Saphir am Finger, den Mutter in Onkels Laden hatte anfertigen lassen. Er passte perfekt, doch die stickige Atmosphäre erdrückte mich. Ein Junge in meinem Alter polierte Schmuck – traurige Augen, kleine Hände. Ich floh.
Auf der Veranda durchdrangen die Sonnenstrahlen vom Stein mein Herz. Alles war perfekt, bis das Unerwartete geschah. Ich war am Boden zerstört und schwor, nie wiederzukommen. Eine Stunde bis zur Abreise. Der Koffer stand gepackt, die Rikscha wartete. Ich weinte, Kaali verkroch sich.
Naani hatte Waisenkinder zum Frühstück eingeladen: Essen, Kleidung. Sie saßen im Schneidersitz und genossen. Naani tat es jährlich, um Onkels Seele zu beruhigen. Aber ich fragte mich: Wie überleben diese Kinder ohne Eltern? Naani erzählte von der Schaukel vor dem Waisenhaus, wo Babys ausgesetzt wurden – die Glocke läutete.
Mutter tröstete mich. Ich setzte mich zu den Kindern, plauderte. Onkel wollte ein älteres Kind einstellen, doch der Leiter lehnte wegen des Alters ab. Stark geworden dachte ich: Wenn sie können, kann ich auch.
Ich brach das Schweigen: Der Junge im Laden ist ein Ausreißer aus dem Waisenhaus! Naani erschrak, Mutter weinte, Onkel erstarrte. Mutter schrie ihn an. Die Ferien wurden zur Hölle. Der Junge war weggelaufen, Onkel hatte ihn eingestellt – daher die Ablehnung.
Naani nahm mich zum Tempel, doch mein Glaube wankte. Wie uns, so ergeht es Straßenkindern. Ich fühlte, ich hatte richtig gehandelt. Wir leben mit der Vergangenheit, formen die Zukunft. Ich zuckte mit den Schultern – befreit.
Ich gab den Ring zurück: Der Saphir passte nicht. In der Rikscha dachte ich:
Wie grün war mein Tal…
Wie blau ist mein Saphir…
Wie dunkel war der Himmel…
Wie unwissend die Sterne…
Wie meine Vergangenheit vergeht…
Mein Leben geht weit, weit und weit.
– Von Bhanu Arora