Aus meiner langjährigen Beobachtung sozialer Ungleichheiten in Indien weiß ich: Wann haben Sie zuletzt ein Bild von Vaishno Maa auf Facebook nicht geliked, aus Angst vor einem schlechten Omen? Oder das von Sai Baba, das angeblich in 15 Minuten Glück bringt? Vor Jahren hielt ich inne, als ich einen verarmten Jungen vor einem Tempel weinen sah. Es war Maha Shivratri – er hungerte, doch niemand bot ihm auch nur ein Glas Milch an. Stattdessen badeten Gläubige Lord Shiva literweise damit.Solche herzzerreißenden Szenen sind in indischen Metropolen alltäglich. Unterernährte Menschen streifen durch die Straßen, nicht nach Geld bettelnd, sondern nach dem Nötigsten: Nahrung.
Mein letzter Abend mit leerem Magen war nicht durch Mangel bedingt, sondern durch Erschütterung. Sommer 2014, Purnima-Nacht. Jemand hatte mich gebeten, dem Mond Milch zu opfern. Ohne Zögern ging ich in den Colony Park für einen klaren Blick. Dort stand ein zerbrechlicher, dunkelhäutiger Mann neben dem Tuberose-Baum – das Bild eines unterprivilegierten Menschen. Er fragte nach meinem Anliegen. „Der Mond“, sagte ich. Er lächelte: „Ich habe Hunger. Darf ich die Milch haben?“ In typisch delhimäßiger Vorsicht lehnte ich ab.
Als ich mich abwandte, hob ich das Glas zum Mond. Doch mein Herz hielt inne. Ich drehte mich um – der Mann war fort. Reue überkam mich. Ich hasste meine Torheit, den Mond zu ehren statt einem Hungrigen zu helfen. Am Parktor fragte ich den Wächter: „Wo ist der alte Mann?“ Er staunte: „Ich öffnete das Tor für Sie – der Park war leer, Madam!“
Im Mondlicht zitterte ich, obwohl ich zuvor geschwitzt hatte. Wer war dieser Mann, dem ich die Milch verweigert hatte? Kein Gott, sondern ein Mahnmal meiner Ignoranz und des falschen Glaubens.