Als Kind träumte ich davon, fliegen zu können. In der obersten Etage eines dreistöckigen Hauses zu wohnen, nährte diese Fantasie – vielleicht war ich ja dafür bestimmt. Ehrfürchtig blickte ich von unserer Terrasse hinab und staunte, wie alles von oben winzig wirkte und beim Abstieg größer wurde. Ich verbrachte Stunden damit, durch die schmalen Lücken im Balkongeländer zu spähen und mir das Gefühl des Schwebens vorzustellen. Doch meine Größe ließ mich im Stich: Die Balustrade war solide gebaut, um Fünf- oder Sechsjährige sicher zu halten.
Eines heißen Nachmittags, während alle anderen ihren Mittagsschlaf hielten, schlich ich mich hinaus, holte meinen speziellen blauen Klappstuhl und stellte ihn leise an die Wand. Mit pochendem Herzen kletterte ich hinauf, prüfte den Winkel und schaute hinaus. Eine warme Brise streichelte meine Wange, die Sonne tauchte den Himmel in Purpur, Vögel zogen in Schwärmen heim, Bienen umkreisten ihren Stock, und der Duft reifer Mangos wehte vom Baum herüber, der nun greifbar nah schien. Zeit verstrich, als ich die Natur in all ihren Facetten in mich aufsog – bis ich plötzlich jemanden hinter mir spürte.
Panik ergriff mich. Ich murmelte Gebete und suchte nach Ausreden. Doch es war nur mein Vater in seinem weißen Pyjama, der zur Abendklinik aufgestanden war. Schüchtern lächelte ich, er umarmte mich herzlich und fragte: „Was machst du da?“
Ich: „Nichts... nur rausgeschaut.“
Papa: „Was siehst du?“
Ich: „Vögel!“
Papa: „Willst du auch fliegen?“
Ich nickte eifrig.
Papa: „Das wirst du eines Tages. Lass dir einfach Flügel wachsen!“
Kindheitsträume gewinnen mit den Jahren an Tiefe. Jeder neue Traum brachte eine neue Strategie – ich war clever, fast verschlagen, plante Wege zu meinen Zielen. Heute vermisse ich diesen Elan, besonders wenn ich an verschwendete Chancen denke, wie Streiche für eine Eins oder Lob.
Jahre später, im Jahr 2000, war ich zwölf, reif und neugierig. Abends auf dem Balkon starrte ich in die Sterne. Vater kam aus der Klinik, meditierte sonst immer allein, doch diesmal trat er zu mir. Aus heiterem Himmel fragte ich: „Woher weiß ich, dass ich bereit bin – bereit zu fliegen?“
Er: „Du wirst es wissen. Oder auch nicht, bis du springst. Manchmal ist es ein Sprung des Glaubens – du tust, was nötig ist, ohne an Konsequenzen zu denken. Wie mein Patient, der mir im OP vertraut, oder ich Gott. Es ist, als stündest du am Klippenrand, siehst die Sackgasse, doch springst.“
Ich: „Das ist beängstigend. Und wenn es schiefgeht?“
Papa lächelte: „Es wird nie genau so kommen, wie erwartet. Das ist die Magie des Lebens. Hinter der Klippe wartet Höhenflug – oder Sturz.“
Ich: „Und beim Scheitern?“
Vater: „Dann dunkle Zeiten, doch gib dich dem Universum hin. Lass los.“ Er gab mir Kiesel: „Das ist dein Problem. Wirf es weg!“ Ich öffnete die Faust, Steine fielen. „Die Natur nimmt deinen Schmerz. Weine, aber lass los.“
Ich fragte nicht weiter – das Gespräch war intensiv. Leider starb er kurz darauf bei einem Unfall. Seine Worte wurden mein Schatz: Flügel zum Fliegen, Mut zum Glauben.
Noch heute, in Schule und Studium, frage ich mich am Klippenrand: „Bist du bereit?“ Mein Herz antwortet: „Ja!“
(von Sanjhi Verma)