Repräsentatives BildIch war damals in Kalkutta und teilte eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit einem älteren Kollegen. Wir beschäftigten eine Haushälterin namens Susheela. Sie war Anfang 50, eine kleine, stämmige Frau mit einem stets lachenden Gesicht. In meinen Augen wirkte sie durch ihre zwei fehlenden oberen Frontzähne sogar noch herzlicher und sympathischer.
Mit der Zeit gewöhnten wir uns an ihre zuverlässige Präsenz. Unsere Tage begannen mit ihr: Sie weckte uns zum Tee und Frühstück. Wir verließen uns voll auf sie. Zu ihren Aufgaben gehörten das Fegen, Wäschewaschen, Zubereiten von Frühstück und Abendessen sowie das Spülen des Geschirrs. Doch was uns besonders berührte, war ihr feiner Sinn für Ästhetik in den kleinen Dingen. Alles in unserer Junggesellenbude war stets makellos aufgeräumt und gemütlich. Wir schätzten ihre mütterliche Fürsorge zutiefst und vertrauten ihr blind.
Nun zu dem Erlebnis, das ich teilen möchte: Mein Mitbewohner heiratete im November 2011 und nahm einen Monat Urlaub. Er sollte am 28. November zurückkehren, einen Tag in der Wohnung verbringen und dann in die Flitterwochen aufbrechen.
In seiner Abwesenheit war Susheela hoch neugierig auf die Braut. „Wie sieht sie aus? Ist sie so klug wie Jeetu Bhaiya? Wann kommt er zurück? Bringt er sie nach Kalkutta?“, fragte sie oft.
Am Abend des 28. November kam ich aus dem Büro und fand eine festliche Stimmung vor. Die Wohnung war dezent, aber einladend geschmückt: Eine neue Blumenmatte an der Tür, frische Vorhänge, neues Bett- und Kissenzeug. Aus der Küche duftete es verlockend nach Gewürzen. Susheela werkelte dort.
„Wow, das sieht wunderbar aus!“, rief ich.
„Sie sind ein frisch verheiratetes Paar, sie kommt zum ersten Mal her“, erklärte Susheela strahlend, während sie ihren Sari zurechtrückte. Ihre Freude war ansteckend.
Eines Sonntagabends sprach ich mit meinem Mitbewohner über seinen Umzug. Er dankte mir überschwänglich für den herzlichen Empfang nach der Hochzeit. Ich war baff – ich hatte nichts damit zu tun. Da dämmerte es mir: Susheela hatte alles allein geplant und umgesetzt, ohne ein Wort zu verlieren.
Sie selbst, geplagt von Armut, Alter und familiären Pflichten, pendelte täglich 25 Kilometer aus den Vororten Kalkuttas an. Dennoch opferte sie Großherzigkeit ohne Maß.
Ich belohnte sie sofort für ihre Geste, doch ihre Herzensgröße ist unbezahlbar. Es ist ein Glück, dass Menschen wie Susheela unsere Welt verschönern.
Selbst Jahre nach meinem Umzug aus Kolkata rührt mich ihr zahnlos-lächelndes Gesicht.
Von Sachin Singh