Nichts verändert das Leben so radikal wie ein Beinaheruf mit dem Tod. Wir alle kennen diese Momente, die uns brutal in die Realität reißen und alles verändern sollen. Doch wer je dem Tod ins Auge geblickt hat, weiß: Das übertrifft jede andere Erfahrung. Plötzlich relativieren sich Klagen, Sorgen und Sehnsüchte. Unsere Sicht auf die Welt verschiebt sich, als hätten wir eine verborgene Facette entdeckt. Während risikoreiche Abenteuer uns warnen, sind es die banalen Alltagsfallen, die sich unauslöschlich einprägen – gerade weil sie harmlos wirken. Unser Gehirn merkt sich durch Assoziationen: Wer denkt schon, dass ein Schritt über Pfützenwasser zu einer Amputation führen könnte?
Für mich war es ein normaler Tag, sogar ein fröhlicher. Mein Bruder hatte mir den Roman „Das Mädchen im Zug“ geschenkt – ironisch, rückblickend. Ich erreichte den Bahnsteig pünktlich, stürmte zur Tür, griff die Stange. Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich beschleunigte, übersah die Pfütze. Mein Fuß rutschte weg. In Bruchteilen einer Sekunde fiel ich rücklings, die Füße schoben sich in den Spalt zwischen Zug und Plattform. Schreie von Fahrgästen und Umstehenden. Mein einziger Gedanke: Ich verliere meine Beine. Panik schnürte meinen Magen zu. Alles war kristallklar: Sinne geschärft auf Überleben. Mit aller Kraft stemmte ich mich hoch, wich den herannahenden Radkästen aus. Sekunden später zogen mich helfende Hände in Sicherheit.
Benommen sackte ich zusammen. Umstehende boten Trost, suchten Verletzungen. Ich blendete sie aus – das war mein Moment der Verarbeitung: Schock, Fassungslosigkeit, tiefe Dankbarkeit. Eine Frau rüttelte mich an: „Du hattest riesiges Glück. Heute hättest du deine Beine verloren.“ Ich nickte stumm.
Ich rief nicht die Eltern, um sie nicht zu ängstigen, sondern meine Schwester. Sie war schockiert, beruhigte sich bei meinen Zusicherungen. Dann überwältigten mich die Emotionen. Etwas so Gewöhnliches – ein Zug einsteigen – hätte mich tödlich verletzt oder für immer behindert. Gute Taten, verpasste Chancen rasten durch meinen Kopf. Ist das eine Warnung? Eine Belohnung?
Noch heute bekomme ich Gänsehaut. Ich verstehe kosmische Zeichen nicht, aber klar ist: Wir unterschätzen unseren Körper. Die Fähigkeit, unversehrt zu laufen, ist ein Geschenk. Er ist vergänglich, kein Teil unserer Seele. Pflegen wir ihn, eh wir ihn ruinieren. Leben ist endlich. Hören wir auf zu jammern – nutzen Sie das teure Parfüm, genießen Sie den Käsekuchen. Leben Sie jetzt, atmen Sie frei, machen Sie das Beste draus. Denn niemand weiß, wann es vorbei ist. (Von Dr. Isha Mishra)