Repräsentatives Bild. Dieser Vorfall hat mich bis ins Mark erschüttert. Er ereignete sich vor etwa 15 Jahren, kurz nachdem ich die Schule abgeschlossen und einen Platz am College für den höheren Sekundarkurs erhalten hatte.Nach den Kursen besuchte ich mit zwei Klassenkameradinnen ein Coaching-Institut, nur 500 Meter entfernt. Zu Fuß waren es 15 Minuten durch eine Seitenstraße in einem Wohngebiet. Nach einem Monat Unterricht freuten wir uns auf diesen entspannten Abendspaziergang – bis ein Albtraum daraus wurde.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Haus, von dessen Balkon im dritten Stock ein Mann Mitte 50 uns anstarrte. Die Bäume schützten ihn vor Blicken. Zunächst ignorierten wir den harmlos wirkenden Mann. Doch eines Tages, als wir vorbeigingen, begann er öffentlich zu masturbieren. Geschockt hielten wir uns an den Händen und rannten davon. Der Anblick eines älteren Mannes, der seine Genitalien entblößte und uns fixierte, war traumatisch – und das nur für ein oder zwei Minuten.
Im Institut atmeten wir auf und schwiegen darüber. Zu jung, um zu reagieren, zu alt, um die Abscheulichkeit nicht zu verstehen. Wir dachten, es sei ein Einzelfall, und gingen denselben Weg erneut. Fehlerhaft: Er wartete wieder in weißer Weste und gestreiftem Pyjama, bemerkte unsere Angst und genoss sie sichtlich. Panisch flohen wir erneut.
Danach wählten wir einen längeren, aber sicheren Umweg – bereit, mehr Zeit zu investieren, um ihm nicht mehr zu begegnen.
Auch heute jagt mir dieser Vorfall Gänsehaut. Wut ersetzt die Angst. Hätten wir geschrien, die Polizei gerufen oder Steine geworfen? Stattdessen taten drei 17-Jährige nichts – hilflos, verängstigt, besorgt um unser Image.
Wir kannten richtig von falsch, doch niemand lehrte uns, wie man Böses stoppt. Ich frage mich: Warum hat unsere Gesellschaft uns nicht vorbereitet auf die Gefahren von Männern in der Öffentlichkeit? Was tun Mädchen in solch einer Lage?
Unser Umweg schützte uns, stoppte ihn aber nicht. Was, wenn andere unschuldige Mädchen Opfer wurden, weil wir schwiegen? Es zerreißt mich, den Fluchtweg gewählt zu haben statt den Mut, zu handeln.
– Von R. Kashyap