"Reisen bedeutet leben", sagte Rumi. Auf Reisen begegnen wir Fremden und knüpfen Verbindungen – Blut und Fleisch mögen fremd sein, doch die Seele erkennt sich immer. Mit diesem Gedanken suchte ich in Delhi ein Fahrzeug, um den Schrein von Hazrat Nizamuddin, dem berühmten Sufi-Heiligen, zu besuchen.Delhis sengende Sommer und eisige Winter sind herausfordernd, ebenso die Hektik und Verschmutzung. Doch Delhi – für mich Dilli – hat seinen Reiz. Per Auto zu erkunden ist ein Glück, wenngleich die oft mürrischen Rickshaw-Fahrer es mit etwas Leid würzen. Um 11 Uhr, bei praller Sonne, bot ich einem Fahrer mehr als den üblichen Preis von Okhla nach Nizamuddin: "Chacha, 100 Rupien, fahren Sie los!"
Er wirkte zerbrechlich, gezeichnet von Jahren harter Arbeit, sein blasses Gesicht zeugte von Leid. Gespräche mit Delhis Rickshaw-Fahrern enthüllen die Seele der Stadt. "Seit Ola da ist, geht das Geschäft ein – sie kamen aus Mumbai und beherrschen nun Delhis Pendlerwelt", klagte er. Ich fragte nach seiner Familie: Drei unverheiratete Söhne. "Ich habe Tag und Nacht geschuftet, damit sie sich einrichten, doch sie streiten um mein Hab und Gut. Zeitverschwendung ist ihr Leben." Er schien gebildet. Auf der überfüllten Ashram-Brücke gestand er: "Sohn, ich muss jemandem das Herz gebrochen haben. Deshalb ist mein Leben so hart, und sogar meine Kinder sind zerstritten. Als Vater habe ich versagt." Tränen rannen über sein Gesicht. Kaum etwas ist tragischer als ein Vater in solcher Not.
Am Schrein gab ich ihm 100 Rupien, er lehnte 20 ab. Beim Weggehen sah ich, wie er sich die Tränen mit seinem Schal abwischte. Sein Gesicht hellte sich auf, er lächelte und winkte. Drinnen las ich ein Banner: "Anderen Leid mit reinem Herzen zuzuhören, ohne zu urteilen, ist Dienst an der Menschheit."
Hazrat Nizamuddin lehrte: "Dusron ke dukhon ko sun ke batiya liya kero." Ich hatte die Antwort auf mein Rätsel gefunden.
Von Naved Ahmad