Jeden Tag, wenn ich an einem Einkaufszentrum vorbeifuhr, fiel mir auf, dass sich das Schild vor einem kleinen Laden wechselte. Mal hieß es „Rana Market“, mal „Raja Market“. Ich scherzte mit meiner Frau, der Besitzer fühle sich an warmen Tagen wie ein König („Raja“) und kehre an kalten zu „Rana“ zurück. Das lag 20 Meilen südwestlich von Baltimore, meinem zweiten Zuhause. Ein paar Tage später betrat ich den Laden, um indische Gewürze nachzukaufen – ohne sie wäre das Leben in den USA fade. Unter dem Hauptschild stand „Indian * Pak * Asian Groceries“.
Der Besitzer war ein unauffälliger Mann mittleren Alters mit grauem Bartansatz, der inmitten der Fülle amerikanischer Supermärkte fehl am Platz wirkte. Religiöse Symbole und Prepaid-Karten verrieten seinen pakistanischen Hintergrund. Zuerst spürte ich Überraschung und leichte Beklemmung, doch die Gewürze siegten. Er begrüßte mich herzlich, zeigte mir Angebote in den engen Gängen dieses winzigen Ladens – eine Insel inmitten der US-Mega-Märkte.
Zunächst mied ich den Laden und kaufte bei größeren indischen Geschäften ein. Doch bald kehrte ich zurück, als uns Gewürze ausgingen. Der Pakistani erkannte mich und begrüßte mich wie einen alten Bekannten – warmherzig wie in Indien üblich.
Regelmäßige Besuche folgten. Er trug immer dasselbe abgetragene Sweatshirt, ungeeignet für die arktische Kälte. Er arbeitete für den Ladenbesitzer, während Frau und Kinder in Pakistan warteten. Mein früheres Verlangen nach Markenklamotten kam mir lächerlich vor.
Zwischenzeitlich sorgten Nachrichten über Grenzkonflikte und Bombardements für Schuldgefühle. Ein indischer Kollege riet: „Kein Desi sollte Pakistanis unterstützen!“ Ich boykottierte den Laden.
Monate später verblasste der Groll. Meine Frau mahnte zum Mitgefühl und schlug vor, ihm einen alten Mantel zu schenken. An einem kalten Morgen tat ich es: Kaufte Kekse, bot den Mantel schüchtern an. Er lehnte höflich ab. Ich kehrte nie zurück. Das Schild blieb bei „Raja“ – jeder König in seiner Welt.
(Von S. Vadwlas)