Ich bin zutiefst beunruhigt – rastlos und voller Fragen zur Menschlichkeit, Gerechtigkeit und dem Kurs unserer Gesellschaft. Um dieses Unbehagen zu greifen, gehe ich zurück zum März: Eine Bekannte setzte angeblich ihrem Leben ein Ende wegen einer missbräuchlichen Ehe. Ihre schockierenden Bilder überschwemmten meinen Facebook-Feed und rissen mich aus meiner Lethargie. Einen Monat später ereignete sich ein Vorfall viel näher: Anchal, meine ehemalige WG-Mitbewohnerin aus der Collegezeit. Wir vier trennten uns mit süßen Erinnerungen. Dieses kämpferische, unabhängige Mädchen landete in den Schlagzeilen – drei Monate nach ihrer Hochzeit im März hatte sie sich das Leben genommen.Ich erinnere mich an einen Abend im April, als ich durch ihre Facebook-Pinnwand scrollte: Bilder aus den Flitterwochen in Thailand. Alles wirkte glücklich und normal. Sie hatte ihren fünfjährigen Freund geheiratet, ihren Gefährten gefunden. Wer hätte gedacht, dass sie so schnell durch Suizid oder gar Mord aufgrund von Mitgift sterben würde? Niemals.
Ihr Tod war zunächst nur eine weitere Sensationsgeschichte, wie ich sie als Reporterin in meiner alten Zeitung bearbeitet hätte. Damals, unter Zeitdruck, rief ich durch die Redaktion: „Mordkopie fertig!“ oder „Raub erledigt!“. Verbrechen waren oft grauenhaft, doch die Apathie siegte. Für mich war es Statistik, für Betroffene Lebensbruch. So funktioniert unser Gerechtigkeitssinn seltsam: Je ferner, desto weniger betroffen. Erst wenn es uns trifft, wird es ein Kampf.
Ist Empathie nicht universell? Warum schalten wir so leicht um? Rationalisieren wir Opfer in dunkle Ecken? Als ich Anchals Geschichte erzählte, kamen die üblichen Fragen: „Wie konnte sie? Warum ist sie nicht gegangen?“ Ich fühlte mich beleidigt – und erkannte: Ich hatte dasselbe gedacht. Schuldig bin ich für meine eigene Unsensibilität. Ich gehöre zu jenen Apathischen, die Anchal, Nirbhaya, Priyanka, die Frau aus Kerala und unzählige andere im Stich lassen – als Freunde, Kollegen, Eltern, Partner und Gesellschaft. Keine Hoffnung also auf Polizisten oder Richter, die täglich mit solchem Grauen konfrontiert sind und abstumpfen.
Es geht um Respekt vor dem Leben. Leider ist der Wert des Lebens in meinem Land niedrig. Sind wir zivilisiert im Denken, doch barbarisch geworden? Ist Liebe, Kameradschaft, Mitgefühl und Wertenur Bequemlichkeit? Wer gibt uns das Recht, über Richtig und Falsch zu urteilen, wenn unsere eigenen Dämonen uns beherrschen?
Heute zählen Feminismus, Chauvinismus oder Liberalismus nichts mehr. Es gibt nur ein Wort: Bequemlichkeit.
Von Prerna Sodhi