Repräsentatives BildAufgewachsen als Einzelkind wurde ich von meinen Großeltern oft verwöhnt. Ein bleibendes Bild: Ich kam gerade aus der Schule zurück, und mein Großvater, damals 72 Jahre alt, wartete draußen in der prallen Sonne am Tor unseres Bungalows auf mich. Später am Abend bekam ich von meiner Mutter eine ordentliche Tracht Prügel, weil ich meinen Großvater geärgert hatte.
Meine Eltern waren liberale, lebensfrohe Menschen. Sie setzten mich nie unter Druck, weder im Studium noch im Sport. Sie glaubten: Jedes Kind lernt in seinem eigenen Tempo, und es gibt keine feste Formel für Erfolg im Leben.
In der 4. Klasse hatte ich meine Abschlussprüfungen zweimal nicht bestanden. Auf dem Zeugnis stand „bestanden und wegen Anwesenheit befördert“. Mein Großvater jubelte trotzdem und sagte zu meiner Mutter: „Sieh doch, er hat eine Eins im Zeichnen!“
Nach dem College-Abschluss und meinem ersten Job empfand ich das Leben in Indien als öde Routine. Mein Job in der Hotellerie brachte ein knappes Gehalt, endlose Arbeitszeiten und unfairen Umgang durch Vorgesetzte. Ich suchte Auslandsmöglichkeiten, sprach mit Freunden abroad und Beratern. Sie schwärmten von geregelten Zeiten, gutem Gehalt und der Chance auf ein dauerhaftes Visum.
Über einen Einwanderungsberater sammelte ich genug Punkte und migrierte mit meiner Familie erfolgreich ins Ausland. Die ersten Monate waren traumhaft: kühles Wetter, saubere Luft, glänzende Metropole mit Hochhäusern und effizientem Verkehrsnetz. Vor allem: geregelte Arbeitszeiten, tolle Kollegen und ein solides Gehalt. Ich hatte der Konkurrenz, dem Niedriglohn und dem Stau-Alltag entkommen – einem Trott, den viele Freunde in Indien ertragen.
Mit 28 heiratete ich und ließ mich ein Jahr später wegen unüberbrückbarer Differenzen scheiden. Nach der Migration wechselte ich in die Finanzbranche. Dank Qualifikation und Intelligenz bestand ich das Vorstellungsgespräch, kämpfte mich jedoch durch neue Dynamiken und Systeme. Nach neun Monaten musste ich die Stelle verlassen.
Drei Jahre nach der Auswanderung starb mein Vater an einer unheilbaren Krankheit. Mit 29 stand ich an einem Scheideweg: geschieden, arbeitslos, ohne soziales Netz und mit einer besorgten Mutter.
Da erkannte ich: Man entkommt seinem Karma nicht, dem Schicksal nicht. Hätte ich nicht ausgewandert, würde mein Vater leben? Wäre ich geschieden? Ich lernte: Problemen muss man sich stellen. Weglaufen hilft nicht. Auf die harte Tour fand ich es heraus – was dich nicht umbringt, macht dich stärker.
— Von Siddha e Pandya